Äußere Differenzierung

Die "Äußere Differenzierung" hat in den letzten beiden Jahren für viel Unsicherheit und Verwirrung nicht nur bei den Eltern und Kindern gesorgt.
Nach einem sehr mißverständlichen Rundschreiben der Senatsschulverwaltung im Frühjahr 2000 zur vorerst freiwilligen Einführung der "Äußeren Differenzierung" versuchte etwa die Hälfte der Berliner Grundschulen, ein Konzept zur Umsetzung zu finden.
Die anderen Grundschulen verwehrten sich gegen diese Maßnahme.
Nach Aussage der Senatsschulverwaltung gab es eine Welle der Stellungnahmen, die sich teilweise grundsätzlich gegen die "Äußere Differenzierung" aussprachen.
Andere Schulen forderten Nachbesserung und aufgrund der verschiedenen Lernausgangssituationen höhere Flexibilität bei der Gestaltung.
Bei einer Veranstaltung des Landeselternausschusses im Januar 2001 hatten wir die Gelegenheit, uns über die Erfahrungen zu informieren, die an den anderen Schulen gemacht wurden.
Es war deutlich zu erkennen, dass jede Schule ihr eigenes Konzept entwickelt hatte.
Die wenigsten Schulen jedoch erteilten den Unterricht vollständig differenziert.
Zusammenfassend war festzustellen, dass die meisten Schulen zwar grundsätzlich eine Differenzierung begrüßten, eine vollständige Leistungsdifferenzierung jedoch überwiegend ablehnten.
Die Vertreterin der Senatsschulverwaltung erklärte daraufhin, dass das Rundschreiben eben wegen dieser vielen Einwände modifiziert wurde.
Eine Neufassung erschien im Januar 2001, welches sie hier als PDF-Dokiment herunterladen können.
Das neue Rundschreiben sieht u.a. vor, dass in den Fächern Deutsch, Erste Fremdsprache und Mathematik ein Drittel des Unterrichts in "äußerer Leistungsdifferenzierung" zu erteilen ist.
Es sollen klassenübergreifend gleichgroße Gruppen gebildet werden.
Alle Klassenarbeiten werden im Klassenverband geschrieben.
Die Zeugnisnote wird aus dem Klassenverband unter Berücksichtigung der "Differenzierungsstunden" ermittelt.
Eine Nennung der Gruppeneinteilung im Zeugnis erfolgt nicht.
Gegen Ende der 4. und 5. Klasse informiert die Schule über die Kriterien, die zur Gruppenbildung führen.
Die Entscheidung über die Gruppenzuordnung erörtert die Klassenleitung mit den Erziehungsberechtigten.
Aufgrund der sehr unterschiedlichen Lernausgangssituationen an den Berliner Grundschulen gibt die Senatsschulverwaltung den Schulen die Möglichkeit, von diesen Regelungen abweichende Organisationsformen der "Äußeren Differenzierung" zu beantragen.
Die Eltern sind über das geplante Konzept zu informieren.
Nach einer Unterlage der Senatsschulverwaltung folgen etwa 78% der Schulen den Vorgaben des Rundschreibens vollständig oder mit geringen Abweichungen.
Knapp 7% der Schulen haben den Unterricht epochal organisiert.
Besondere pädagogische Organisationsformen (z.B. Wochenplan) haben 9% der Schulen vorgesehen.
Eine Organisation mit mehr als 50% der Stunden eines Faches (wie im letzten Schuljahr an unserer Schule) haben nur knapp 6% der Schulen beantragt.
Aus dieser Unterlage geht ebenfalls hervor, dass die Information der GEV und der Eltern in vielen Fällen entweder gar nicht oder unzureichend erfolgte.
Die Erfahrungen mit der "Äußeren Differenzierung" dürften insgesamt sehr unterschiedlich sein.
Dies hängt natürlich auch stark von persönlichen Eindrücken und Erfahrungen ab.
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Arbeit der Arbeitsstelle Bildungsforschung Primärstufe (ABP) von der Freien Universität Berlin, die sich bei ihrer wissenschaftlichen Begleitung des Schulversuchs "Verläßliche Halbtagsgrundschule" auch mit den Auswirkungen der verschiedenen Differenzierungsformen beschäftigt.
Gerade wegen der wissenschaftlichen Objektivität dieser Arbeit empfehle ich Ihnen, diesen Bericht zu lesen.
 
Zweiter Zwischenbericht der Wissenschaftlichen Begleitung zum Teilbereich
"Differenzierung und Profilbildung in den Klassen fünf und sechs"

 

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Für die "Eiligen" hier ein paar Auszüge:
(überspringen)
 
Situation in der Sekundarstufe
"Die Klassen 5 und 6 der sechsjährigen Berliner Grundschule zählen, systematisch betrachtet, bereits zur Sekundarstufe.
Die meisten Sekundarlehrer, Gesamtschullehrer kaum anders als Gymnasiallehrer, haben bislang keine oder nur eine unzulängliche Praxis des binnendifferenzierten Unterrichtens entwickelt, wie einer Studie von Peter Martin ROEDER über "Binnendifferenzierung im Schulalltag" (1997) zu entnehmen ist.
Die üblichen Deutungsmuster eines schematischen Leistungsbegriffs, die bürokratischen Vorgaben einer äußeren Fachleistungsdifferenzierung (z.B. nach dem FEGA-System) und die oftmals großen Lerngruppen verhindern einen Unterricht, in dem die Schülerinnen und Schüler gleichzeitig an verschiedenen Gegenständen oder auch nur auf verschiedenen Leistungsniveaus an denselben Dingen arbeiten.
Wie Peter Martin ROEDER in einer anderen Studie gemeinsam mit Fritz SANG aufzeigt, gehen die meisten Sekundarlehrer bei ihrer Unterrichtsgestaltung überwiegend von der Erwartung aus, dass sie es mit weitgehend homogenen Lerngruppen zu tun hätten, für die sie in den allermeisten Fällen nur ein einziges gemeinsames Unterrrichtsangebot auszuarbeiten hätten.
Dabei orientierten sie sich in ihren Leistungsanforderungen häufig an den Lernausgangslagen jener Schülerinnen und Schüler, die leistungsmäßig etwas unter dem Klassendurchschnitt liegen.
Durch dieses Vorgehen tragen sie aber in der Praxis keineswegs zu einer Homogenisierung und zum Leistungsausgleich in ihren Klassen bei.
Im Gegenteil: Auch in den Gymnasialklassen entsteht schon nach kurzer Zeit derselbe Effekt, um dessen Vermeidung willen viele Eltern heute ihre schnell lernenden Kinder früher aus der Grundschule nehmen und beim Gymnasium anmelden wollen.
Die Leistungsschere geht auseinander, die schnell lernenden Schüler werden unterfordert und beginnen sich zu langweilen, die langsamer lernenden Schüler bleiben zurück und werden schließlich selegiert.
Der Anspruch der Egalisierung der Leistungsvarianz in der Lerngruppe gerät also auch unter den günstigen Bedingungen des Gymnasiums sehr rasch mit dem Anspruch der individuellen Förderung jedes einzelnen Kindes in Konflikt. Die Balance zwischen beiden Ansprüchen zu finden, "wird nur von einer Minderheit der Lehrer wirklich bewältigt", schreiben Peter Martin ROEDER und Fritz SANG.
Es gibt Anzeichen dafür, dass dieselben Effekte sogar in den besonders streng ausgelesenen "Schnellläuferklassen" der so genannten "grundständigen" Gymnasien (ab Klassenstufe 5) schon nach wenigen Wochen eintreten.
Auch dort wird unseres Wissens kaum differenziert.
Es ist zu vermuten, dass ähnliche Effekte zu erwarten sind, wenn in den Klassen fünf und sechs der Berliner Grundschule durchgängig die äußere Fachleistungsdifferenzierung eingeführt würde.
Auch die großen internationalen Vergleichsstudien von Sekundarschulsystemen unterschiedlicher Länder (z.B. TIMSS) geben keinen Hinweis darauf, dass sich äußere Fachleistungsdifferenzierung förderlich auf die Schülerleistungen auswirkt.
Insbesondere gibt es keine wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass es für den Schulerfolg der langsamer lernenden Kinder förderlich wäre, wenn sie früher von den schneller lernenden Kindern getrennt werden.
Die Studien belegen vielmehr, dass der dem Unterricht jeweils zugrunde liegende Lernbegriff (z.B. eher problemlösende Aufgabenstellungen versus eher rezeptive Lernsituationen) und die didaktische Qualität, mithin die gesamte Lernkultur der Schule entscheidender sind, als die jeweiligen Differenzierungsformen.
...."
Kurzdarstellung: Erfahrungen
"Es gibt positive und negative Erfahrungen mit äußerer Differenzierung in der Berliner Grundschule.
Ein und dieselbe Differenzierungsmaßnahme kann in zwei unterschiedlichen Klassen ganz unterschiedliche Effekte bewirken.
Eine konsequente Binnendifferenzierung des Unterrichts als mögliche pädagogische Antwort auf die Frage nach einem angemessenen Umgang mit heterogenen Lerngruppen wird im Bundesdurchschnitt allenfalls von 10 - 15 Prozent der Grundschullehrerinnen realisiert.
Nach ersten Erkenntnissen der Wissenschaftlichen Begleitung gilt diese Aussage auch für die Modellschulen im Berliner Schulversuch "Verlässliche Halbtagsgrundschule".
Eine mögliche Erklärung findet sich bei MANFRED BÖNSCH: "Ein einspuriges Geschehen, sprich Frontalunterricht, ist leichter zu steuern als ein vielspuriges".
Die Einteilung der Kinder auf verschiedene Lerngruppen ist vorerst nur eine formale und noch keine inhaltliche Veränderung des Unterrichts und bewirkt nicht zwangsläufig eine Verbesserung seiner Qualität.
Für eine Qualitätssteigerung ist es unerlässlich, die Arbeit in den verschiedenen Lerngruppen inhaltlich und methodisch an den Unterricht im gemeinsamen Klassenverband rückzubinden.
In zu großen Lerngruppen sind keine besonderen Differenzierungsvorteile zu erwarten.
Eine Differenzierung nach nur zwei Niveaus reicht oft nicht aus.
Bei Kindern, die dauerhaft zur leistungsschwächsten Lerngruppe gehören, können motivationshemmende Effekte beobachtet werden, die einer besonderen pädagogischen Beachtung bedürfen.
Die Hoffnung auf Erlangung homogener Lernausgangslagen mit entsprechenden Lernentwicklungen hat sich in Differenzierungsstudien in der Vergangenheit als Trugschluss erwiesen.
Es entstehen immer wieder neue Leistungsdifferenzen innerhalb der verschiedenen Niveaugruppen.
Jede Form der äußeren Differenzierung kann auch binnendifferenzierende Maßnahmen beinhalten.
Äußere Differenzierung und Binnendifferenzierung brauchen einen verlässlichen Personalbestand.
...."
Kurzdarstellung: Empfehlungen
"Jede Schule sollte ihr eigenes Differenzierungskonzept entwickeln, das auf die jeweilige Situation vor Ort passt.
Für die Zuweisung der Schülerinnen und Schüler zu den Lerngruppen braucht das Kollegium inhaltlich begründete und für alle transparente Kriterien.
Neben dem Leistungsstand in dem jeweiligen Unterrichtsfach zählen dazu auch soziale und entwicklungspsychologische Unterscheidungsmerkmale.
Zur Sicherung der Durchlässigkeit zwischen den neu gebildeten Lerngruppen sollte die Aufteilung der Kinder mehrmals im Jahr überprüft und gegebenenfalls verändert werden.
Die Schulen sollten rechtzeitig vor Schuljahresende Bilanz ziehen, um zu klären, was im nächsten Schuljahr verändert werden soll.
Die Schulen sollten überdenken, ob es zur Erhöhung der Differenzierungsleistung sinnvoll sein könnte, in den Klassen 5 und 6 zu einem "gemäßigten Fachlehrersystem" (ggf. nach dem Team-Kleingruppen-Modell) überzugehen.
Wir empfehlen, die Vielfalt der Differenzierungsmöglichkeiten auszuschöpfen.
Eine ausschließlich organisatorische Veränderung wie zum Beispiel die Einrichtung von A/B-Kursen wird an der Unterrichtsqualität in den Schulen nichts oder nur sehr wenig ändern.
Wichtiger wäre ein Wechsel der Lern- und Unterrichtskultur von einem eher aufgaben- und lehrerzentrierten Unterricht zu eher schüler- und entwicklungsorientierten Unterrichtsformen.
Hierzu bedarf es nicht nur der öffentlichen Diskussion, sondern darüber hinaus einer gezielten Fortbildung der Lehrerinnen im Kontext der Entwicklungsbedingungen an der jeweiligen Einzelschule.
...."
Das Konzept "äußere Fachleistungsdifferenzierung"
"In den Differenzierungskonzepten, die eher auf die Vereinheitlichung von Lernausgangslagen setzen, wird zumeist zwischen schulleistungsstarken und schulleistungsschwachen Schülerinnen und Schülern unterschieden.
Oftmals taucht dort das Gegensatzpaar "Forderung versus Förderung" auf und beinhaltet die Hoffnung auf eine jeweilig verbesserte Lernmöglichkeit für eine entsprechend zusammengesetzte Lerngruppe.
Als weiteres Auswahlkriterium diente den Lehrerinnen neben der eigenen Einschätzung der Schülerleistung immer auch die Erwartung der Eltern, welche Oberschulen ihre Kinder nach der Grundschule besuchen sollen.
Neben dem Auswahlkriterium "Leistung" berücksichtigten die Kollegien ferner in sehr unterschiedlicher Weise auch das Auswahlkriterium "Interesse" bei der Zusammensetzung von Lerngruppen, wobei offen blieb, wie dieses Interesse eigentlich erhoben wird.
Für alle Formen einer solchen äußeren Fachleistungsdifferenzierung mussten die traditionellen Klassenverbände aufgelöst werden.
Dieses geschah niemals in allen Stunden für alle Fächer.
Zumeist teilte man die Klassen ab der Klassenstufe 5 für eine bis maximal zwei Stunden in den Fächern Deutsch und Mathematik und ab der Klassenstufe 6 in der ersten Fremdsprache in zwei bis drei unterschiedliche Lerngruppen neu auf.
Wegen des frühen Fremdsprachenbeginns ab der Klassenstufe 3 erprobten einige wenige Schulen die äußere Differenzierung im Fach Englisch bereits ab der Klassenstufe 5.
..."

 

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Auch wenn Ihr Kind (noch) nicht von der "Äußeren Differenzierung" betroffen ist, sollten Sie sich intensiv mit der Materie befassen, denn:
- entgegen aller Beteuerungen ist die "Äußere Differenzierung" als Vorwegnahme der Oberschulentscheidung anzusehen, da die Kinder des B-Kurses aufgrund der Erfahrungen des letzten Jahres keine Möglichkeit haben, sich in den A-Kurs zu verbessern. Zwar erhalten auch Kinder des B-Kurses eine Gymnasialempfehlung, haben aber aufgrund der stark unterschiedlichen Lerninhalte der Gruppen nicht die gleichen Chancen, auf dem Gymnasium zu bestehen.
Wenn ein Kind zu Beginn der 5. Klasse in den B-Kurs eingeteilt wird, hat es kaum Chancen, den gleichen Bildungsstand zu erreichen, den die Kinder des A-Kurses haben.
Bei Kindern, die im A-Kurs dem Druck nicht standhalten können, besteht die große Gefahr, dass die Lernbereitschaft aufgrund des "Mißerfolgs" auch im B-Kurs nachlässt und damit eine mögliche höhere Schullaufbahn in Frage gestellt wird.
Diese Situation sollte mit der "Drittel-Regelung" im Rundschreiben vermieden werden.
Die in den Medien dargestellten positiven Effekte beziehen sich fast ausschließlich auf Differenzierungsformen, die eine oder zwei Wochenstunden pro Fach umfassen.
In jedem Falle ist dieses Thema diskussionswürdig.
Zum Diskutieren haben wir die GEV-Sitzungen.
Aber auch in unserem Forum haben Sie die Möglichkeit, den anderen Eltern Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung dazu mitzuteilen.
Das Forum auf unserer Homepage dient auch als Hilfe zur Meinungsbildung und Entscheidungsfindung bei der GEV und gibt somit auch Eltern, die keine Elternvertreter sind, die Möglichkeit, zu den wichtigen Themen an der Schule Stellung zu nehmen.
!!! Bitte machen Sie von dieser Möglichkeit Gebrauch !!!

Author dieses Schriftsatzes: Thomas Schmidt

 

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